Expedition Kanelbullar: Wintereinbruch im Lierne Nationalpark

Jetzt, in der gemütlichen Küche unserer Herberge in Valsjöbyn, wirkt das Unwetter der letzten Tage wie eine ferne Erinnerung. Schneefall, Regenschauer, peitschender Wind und ein kahles, von Sümpfen und Seen überzogenes Bergmassiv, das sich mehr und mehr in eine unwirtliche Winterlandschaft verwandelt. Die Durchquerung des Lierne Nationalparks war das fordernste Stück unserer bisherigen Wanderung und wir waren kurz davor umzukehren – mit unklaren Auswirkungen auf unsere weitere Tour. Aber der Reihe nach.

Gäddede nach Valsjöbyn, 24. bis 29. September (82km)

Als wir Gäddede verlassen, tanzen einzelne Schneeflocken vom Himmel. Weiter oben in den Bergen hat es über Nacht geschneit, wenn auch nicht viel. Wir freuen uns über den Schnee, denn Regen hatten wir in letzter Zeit genug. Besonders Mimi ist ganz verzückt über den ersten Schnee in diesem Jahr. Wir folgen zuerst einer Asphaltstraße, dann einer Schotterstraße bis wir auf einem Forstweg bergauf Richtung Lierne Nationalpark, einer weitläufigen und einsamen Bergregion, abbiegen. (Streng genommen heißt das Gebiet nur in Norwegen Lierne und in Schweden Hotagen Naturreservat, aber diese Feinheit ignorieren wir einfach.)

Immer wieder schneit es und mit zunehmender Höhe bleibt der Schnee auch liegen. Wir sind aufgeregt, da nun das Abenteuer Lierne begonnen hat, ein Teil der Expedition Kanelbullar auf den wir uns schon lange freuen.

Zuerst sammelt sich der Schnee nur an vereinzelten Stellen, …

… doch bald ist das ganze Gelände schneebedeckt.

Wir durchqueren – wie so oft in letzter Zeit – einen Sumpf, diesmal aber von einer dünnen Schicht Schnee bedeckt. Das ist weniger ein Problem als erwartet, denn die wirklich nassen Stellen bleiben schneefrei und somit erkennbar.

Wir genießen das Wandern in diesem Übergang zwischen Herbst und Winter, bewundern den Kontrast zwischen Herbstfarben und Winterweiß. An der Nationalparkgrenze enden die (ohnehin nur schwer erkennbaren) Wege. Von nun an müssen wir querfeldein unsere eigene Spur ziehen.

Wildgänse ziehen Richtung Süden, genau wie wir.

Unseren ersten Zeltplatz wählen wir im Schutz von einem kleinen Wald, gerade noch unterhalb der Baumgrenze.

Die Nacht über schneit es und in der Früh liegt eine deutliche Schneedecke über der Landschaft. 

Das Wetter ist härter geworden: kräftiger Wind und starker Niederschlag, der abwechselnd als Regen und Schnee vom Himmel fällt. Wir folgen in etwa der norwegisch-schwedischen Grenze, die alle paar Kilometer von riksrös  – Grenzmarkierungen in Form von geschlichteten Steinhaufen – angezeigt wird. Die älteren davon stammen aus dem 18. Jahrhundert. Wir fragen uns, wer wohl die Leute waren, die diese Steine gesammelt und geschleppt haben – und ob sie auch mit schwierigem Wetter zu kämpfen hatten.

Wir gehen ohne längere Pausen, denn der nasse Schnee und Wind kühlt uns schnell aus. Dabei kommen wir ganz gut voran, die Orientierung an Bergrücken und Seen gelingt uns trotz mäßiger Sicht problemlos. Für eine Mittagspause steuern wir eine Rentierzüchter-Hütte an, um in deren Windschutz unser Tarp aufzubauen und Mittagessen zu kochen.

Aus der Mittagspause wird eine längere Pause. Der Wind peitscht, es schneit und regnet, uns ist kalt und die Flussüberquerung des Avansbäcken, die uns als nächstes bevorstehen würde, erscheint uns bei diesem Wetter weder besonders reizvoll noch vernünftig. Wir beschließen also für die Nacht dazubleiben und schlüpfen schon am Nachmittag in den Schlafsack um uns aufzuwärmen.

Am nächsten Morgen sieht die Lage nicht viel besser aus, das Wetter ist noch immer unbarmherzig und es wirkt nicht so, als könnten wir weiterwandern. Bei den Querfeldein-Abschnitten unserer Wanderung scheinen wir schon ziemlich Pech mit dem Wetter zu haben – zuerst in Sarek und jetzt hier in Lierne. Wir kauern im Zelt, studieren die Wanderkarte und suchen nach Alternativen. Als der Wind noch stärker wird und an unserem Zelt reißt, beschließen wir in einen Holzschuppen zu flüchten.

Dort ist zwar nicht viel Platz, aber wir fühlen uns etwas geschützter. Abwarten scheint beim derzeitigen Wetter die einzige sinnvolle Option zu sein. Aber wie lange werden wir warten müssen? Müssen wir die Durchquerung abbrechen und umkehren? Diese Unsicherheit zehrt ganz schön an unserer mentalen Energie, wir sind deprimiert und wissen nicht wie es weitergehen soll. Heimweh macht sich breit und zum ersten Mal seit Beginn unserer Wanderung kommen ernsthafte Zweifel auf. Wie gerne würden wir jetzt zuhause anrufen, uns ausweinen und um Rat fragen, aber wir sind hier von der Außenwelt isoliert und müssen alleine mit dieser Situation zurecht kommen. Unsere Gedanken wandern zu anderen Abenteurern, von denen wir gelesen haben und die viel Härteres durchgestanden haben – das tröstet uns etwas. 

Wir beschließen schlussendlich, sofern das Wetter es zulässt, morgen durch den Wald ins Tal hinabzusteigen. Dort würden wir eine Rasthütte und wenig später die Straße, die zurück nach Gäddede führt, erreichen. Dies ist alles andere als ein verlockender Plan, denn unserem Ziel wären wir dann in den letzten Tagen keinen Schritt näher gekommen. Aber in dieser Situation müssen wir Sicherheit vor unsere Ambitionen stellen.

Als wir am nächsten Morgen nach draußen schauen, liegt eine wunderschöne Winterlandschaft vor uns. Wir haben Glück, das Wetter hat sich endlich etwas beruhigt und wir können wieder daran denken unser Notlager zu verlassen.

Die verbesserte Wetterlage und eine erholsame Nacht schaffen neuen Mut. Wir halten es nicht mehr für notwendig abzubrechen und umzukehren, sondern ändern unsere Pläne noch einmal: Anstatt, wie ursprünglich geplant, den Avansbäcken zu überqueren und weiterhin der schwedisch-norwegischen Grenze in Richtung Süden zu folgen, wollen wir dem Fluss bis zu seinem Ursprung nach Norwegen folgen und dann auf der norwegischen Seite des Gebirges absteigen. So können wir nach etwa 16km zu einer norwegischen Hütte gelangen.

Mit unserem neuen Plan ersparen wir uns die Furt über den Avansbäcken, der wegen dem starken Niederschlag der letzten Tage immer noch sehr viel Wasser führt. Zwei Zuflüsse müssen wir aber dennoch queren. Bei den eisigen Temperaturen aus den Wanderschuhen und in unsere Flussüberquerungsschuhe zu schlüpfen, in das brennend kalte Wasser zu steigen und uns einen Weg zum anderen Ufer zu suchen, kostet Einiges an Überwindung.

Wir sind froh, das Furten erfolgreich hinter uns gebracht zu haben. Jetzt, wo die größte Herausforderung des Tages geschafft ist, beginnen wir die wunderschöne Winterlandschaft so richtig zu genießen.

Pausen erlauben wir uns allerdings keine. Um unseren Füßen eine Chance zu geben wieder aufzutauen müssen wir in Bewegung bleiben. Wir naschen im Gehen Kekse und Nüsse um ausreichend Energie zu haben. Die Strategie geht auf: Unsere Oberkörper bleiben immer warm und unsere Füße haben sich nach einiger Zeit auch erholt.

Als wir den höchsten Punkt der heutigen Wanderung erreicht haben, bietet sich uns ein beruhigender Anblick. Wir sehen nicht nur das schneefreie Tal, sondern auch eine Herde Rentiere. Dass auch unsere treuesten Wanderbegleiter hier oben am Berg sind, gibt der Situation eine gewisse Normalität.

Unsere Freude ist groß als wir schließlich die Strivass-Hütte errreichen! Doch entgegen unserer Annahme ist die Hütte leider nicht offen sondern muss vorgebucht werden. Aber wir haben Glück im Unglück: die Hütte ist von vier freundlichen Schneehuhn-Jägern gemietet, die nicht nur ihr Abendessen mit uns teilen sondern uns auch die nasse Kleidung in der Hütte trocknen lassen.

Mit vollen Bäuchen und der Gewissheit den Lierne Nationalpark erfolgreich durchquert zu haben, schlafen wir ausgezeichnet. Über Nacht schneit es wieder und unser Zelt ist in der Früh schneebedeckt. Die Einladung der Jäger mit ihnen in der warmen Hütte zu frühstücken nehmen wir sehr gerne an. So fängt Martins Geburtstag gut an!

Wir stapfen fröhlich durch den Schnee in Richtung Straße und genießen die unberührte, sagenhafte Winterlandschaft.

Selbst dem großen Sumpf, der uns von der Straße trennt, können wir mit dieser weißen Decke nur Bewunderung entgegen bringen.

Als wir in Sørli im Tal ankommen, haben wir den Schnee hinter uns gelassen. Vom Winter ist hier keine Spur mehr und unsere Erlebnisse der letzten Tage wirken fern und etwas surreal. Wir folgen der Straße nach Schweden, wo wir zwei Tage später als geplant das Dorf Valsjöbyn erreichen. Es fühlt sich gut an hier zu sein und wir sind stolz auf uns den Lierne Nationalpark trotz wirklich widrigem Wetter durchquert zu haben. Nicht aufzugeben hat viel Willenskraft gekostet und wir glauben Einiges aus dieser Herausforderung gelernt zu haben.

Wie geht’s weiter? Der weitere Weg nach Åre sollte uns nicht allzu sehr herausfordern, es geht auf markierten Wanderwegen, Straßen und Forstwegen durch ein waldiges, seenreiches Gebiet und die Zivilisation wird nie besonders weit entfernt sein. Wir sind schon gespannt was für Wetter der Oktober nun für uns bereithält!

12 Gedanken zu „Expedition Kanelbullar: Wintereinbruch im Lierne Nationalpark“

  1. Huch, das klingt wirklich dramatisch! Ihr habt es gemeistert und seid offenbar wieder in etwas gemütlicheren Gefilden unterwegs! Alles Gute für die Fortsetzung!

    1. Ja, dieser Abschnitt war wohl (bisher?) wirklich der herausforderndste und schwierigste der Wanderung. Seitdem haben wir zum Glück freundlicheres Wetter und kommen gut voran. Schönen Gruß nach Wien!

  2. Wow! Ihr 2 seid toll!
    Die größten Geschenke und Überraschungen hat wohl die Schöpfung zu bieten!
    Nochmals alles Gute zum Geburtstag @ Martin.
    LG aus Wien.
    Die Winklers

    1. Danke für die Glückwünsche! An meinem Geburtstag die erfolgreiche Lierne-Durchquerung feiern zu können, war ein tolles Geschenk. LG, Martin

  3. Lieber Martin! Nachträglich alles Gute zum Geburtstag!
    Liebe Mimi, lieber Martin!
    In den letzten Wochen kam ich kaum zum Lesen, weil die Schule meine ganze Zeit baucht. Nur am Morgen, wenn ich meine Mails lese, komme ich dazu einen kribbelig spannenden Krimi zu verfolgen – eure Expidition.
    Schicke euch ganz viele Grüße!!!!! Wir sprechen auch oft über euch und sind auch ein bisserl aufgeregt, hoffen, dass es euch gut geht. Bis dann, wenn ihr wieder im kuscheligen Wien seid!
    Busserl von Gabi

    1. Liebe Gabi, schön zu hören, dass dir unser Blog eine spannende Lektüre bereitet! 🙂 Langsam rückt unser Ziel Mora näher und unsere Gedanken kreisen auch schon immer mehr ums nach Hause kommen… Wir freuen uns schon sehr auf ein Wiedersehen! Bis „bald“!

  4. What impressive walk you make. Hope you get better weather against Åre. I like to follow your text and pictures from the mountain world!

    1. Tack! Lyckligtvis har vi mycket bättre väder nu! +10 grader och även på 1000m höjd har nästan all snö i Jämtlandsfjället smältat. Konstigt att tänka att vi var i en snöstorm två veckor sedan…
      Känner du till fjällen i Lierne/Hotagen området?

  5. Mimi and Martin,
    It is so hard for me to imagine snow, fall colors and reindeer!! It is still 80F here in So California and fall is only slightly apparent in the shortening days. Continue enjoying your grand adventure, we are cheering you on.

    hugs from Michelle and Bruce

    1. Hi Michelle and Bruce, thanks for your support! It is quite amazing to see the seasons change, everything is a bit more dramatic here in the mountains! 🙂 After a short period that felt like winter, autumn is back again and we’re curious to see what kind of weather the next weeks will bring… Many hugs!

  6. A Wahnsinn!!! Ich hätte schon längst das nächste Flugzeug in die Sonne genommen, dorthin wo es wärmer ist. Zwar ohne Rentiere, Schneehühner und nasse Füsse, aber dafür faul, trocken und gemütlich. Trotzdem: ich finde toll, das ihr nicht aufgebt. Bin schon gespannt wie es weiter geht.
    Bu euch beiden. Pe

    1. Danke Peter! Wie wir da so während dem Schneesturm im Holzschuppen gehockt sind und nicht weiter wussten, haben wir uns schon auch gefragt wieso wir so etwas eigentlich machen… Aber wir haben diese Wanderung auch gewählt, weil wir die Herausforderung gesucht haben. Und einen Tag später, als wir wieder unterwegs waren, hat sich die Frage nicht mehr gestellt, da waren wir uns wieder sicher, dass dieser Irrsinn das richtige für uns ist! 😉

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