Expedition Kanelbullar: Kilpisjärvi bis Abisko

Wir sind in Abisko angekommen! Dieses Etappenziel ist für uns von besonderer Bedeutung, denn es fühlt sich fast nach Heimkommen an. Vor vier Jahren hat hier bei der Bergstation Abisko unsere Wanderung entlang vom Kungsleden begonnen, vor vier Monaten hat hier unser Winterabenteuer geendet. Nun sind wir aus dem hohen Norden, über die norwegischen Berge, hierher gekommen und das weite schwedische Fjäll, das für die kommenden Wochen unser zuhause sein wird, liegt vor uns.

Kilpisjärvi, Finnland über Treriksröset nach Abisko, Schweden (31. Juli – 10. August)

Wieder liegt eine großartige Etappe hinter uns, die uns mit ihrer Vielfalt an Landschaften und Vegetationsformen sehr überrascht hat. Großartig und abwechslungsreich – diese Worte wiederholen sich wohl schon ein bisschen bei unseren Etappenbeschreibungen, aber wir sind einfach begeistert! 🙂 Von der Landschaft, dem Naturerlebnis, dem herrlichen Wanderfreiheitsgefühl und davon soviel Zeit gemeinsam verbringen zu können. Auf dieser Etappe haben zu unserem Wanderglück ganz besonders beigetragen: unzählige Begegnungen mit Rentieren, erste reife Moltebeeren, frisch gebrühten Kaffee aus der Kåsa trinken, dem traditionellen Holztrinkgefäß der Samen – ein Geburtstagsgeschenk von Martin an Mimi, Unmengen an Heidelbeeren, hübsche Blumen am Wegesrand, komplette Stille im Fjäll, Ausblick auf mächtige Gletscher, rauschende Flüsse, knuffige Lemminge, eine Begegnung mit zwei anderen Gröna Bandet-Gehern… und die Abwesenheit von Gelsen! Diese Etappe hat uns aber durchaus auch gefordert – mit sehr wechselhaftem Wetter (dazu gleich mehr) und einigen langen Märschen über Geröllfelder.

Es ist 20 Uhr 30 als wir vom Campingplatz in Kilpisjärvi aufbrechen. Ein Tag mit drückender Hitze (31 Grad sind hier wirklich nicht die Norm!) und vielen Erledigungen – Wäsche waschen, Essen für die nächste Etappe vorbereiten und portionieren, uns um den Blog kümmern, etc. – liegt hinter uns. Nun ist es schon etwas kühler und wir sind hochmotiviert wieder loszuwandern. Die Abendstimmung ist hier ganz speziell: die Sonne ist gerade dabei für kurze Zeit hinter dem Horizont zu verschwinden, das Licht ist sanft und taucht die Landschaft in weiche Farben. Der große Kilpisjärvi-See, die umliegenden Berge, die Wälder, alles hier wirkt friedlich und ruhig. Wir genießen es sehr diese besondere Tageszeit ganz für uns zu haben, denn Wanderer sind sonst keine mehr unterwegs. Dafür treffen wir umso mehr Rentiere und bekommen sogar einen Kauz aus nächster Nähe zu sehen. Das Gelände ist allerdings schwieriger als von uns erwartet, daher zieht sich unsere Nachtwanderung in die Länge.

Wir sind schon ziemlich erschöpft, als wir um 2 Uhr morgens unser Ziel erreichen: Treriksröset. Hier treffen sich die Grenzen von Norwegen, Finnland und Schweden, markiert durch einen gelben Betonklotz inmitten eines Sees. Für uns hat dieser Ort eine besondere Bedeutung, denn hier beginnt unser Gröna Bandet. Als wir mitten in der Nacht ankommen, beginnt es schon wieder heller zu werden und die Berge am Horizont sind in sanftes, blau-violettes Licht getaucht. Wir sind stolz, zu Fuß vom Nordkapp hierher gekommen zu sein und gleichzeitig aufgeregt, weil nun mit Gröna Bandet eine noch größere Herausforderung vor uns liegt.

Am nächsten Morgen streikt Mimis Kreislauf. Das heiße, schwüle Wetter, die gestrige Anstrengung und eine unruhige, kurze Nacht waren offenbar zu viel. Nach einem knappen Wanderkilometer, der sich so anstrengend wie nie zuvor anfühlt, machen wir Rast und Mimi schläft sofort ein. Eine lange Pause ist offensichtlich notwendig, denn die nächsten Stunden schläft Mimi wie ein Stein. Wir brechen erst am späten Nachmittag wieder auf um einen Zeltplatz für die Nacht zu finden – an unserem momentanen Rastplatz gibt es nämlich kein Trinkwasser. Wir gehen noch einen Kilometer und bauen unser Zelt neben einem Bach in einer kleinen Senke auf, gut geschützt, denn Gewitterwolken beginnen aufzuziehen. Tatsächlich bricht bald darauf ein Unwetter über uns herein, es donnert, blitzt, stürmt, schüttet, hagelt und der Wind reißt an unserem Zelt. Wir sind froh an einer gut geschützten Stelle und in einem perfekt wasserdichten Tarp zu sein, aber unheimlich ist es trotzdem diese Naturgewalten aus nächster Nähe zu erleben. Das Gewitter bringt den ersehnten Wetterumschwung: es ist nachher um 20 Grad kühler und Mimis Kreislauf erholt sich schnell wieder. Am nächsten Morgen sind wir wieder frisch und munter, die Wanderung nach Abisko kann nun so richtig beginnen.

Der Großteil dieser Wanderetappe liegt in Norwegen und auf unserem Weg liegen einige Hütten des norwegischen „Alpenvereins“ DNT (Den Norske Turistforening). Die Hütten begeistern uns ebenso wie die schwedischen – obwohl sie sich deutlich unterscheiden. Im Gegensatz zu den schwedischen Hütten gibt es hier keine Hüttenwarte. Die Hütten sind verschlossen und lassen sich mit einem DNT Schlüssel öffnen. Eine Kopie dieses Schlüssels bekommen gegen Kaution alle Mitglieder (auch die des schwedischen STF, zu denen wir zählen). Die Hütten sind hervorragend gepflegt und sauber, die älteren sind wunderbar urig und gemütlich, die neueren sind helle Holzhäuser mit ansprechender, moderner Architektur. Man merkt, dass der DNT finanziell gut dasteht, denn die niedrigen Übernachtungspreise (und wenigen Wanderer) können sicher nicht einmal die Instandhaltungskosten decken. Wir genießen für zwei Nächte diesen Bergluxus und an einem verregneten Tag erholen wir uns während einer langen Mittagspause, dankbar für diese Refugien in der wilden Natur.

Besonders gut gefällt uns der Abschnitt dieser Wanderung, der uns durch den norwegischen Dividalen Nationalpark führt. Hier gibt es alte Föhrenwälder, in denen die toten, verwitterten, verzwirbelten Bäume wie Skulpturen aus Holz in der Landschaft stehen. Das Wandern auf weichem Waldboden ist herrlich und die Heidelbeeren, die hier in Unmengen wachsen, zwingen uns immer wieder zu süßen Pausen. Neben uns rauscht ein wilder Fluss, der sich über schroffe Felsen stürzt, und wir fühlen uns an die Natur der kanadischen Rockies erinnert. Ein besonders schönes Eck Norwegens!

Am vorletzten Tag unserer Etappe steigen wir ins Tal hinab während Regen unablässig auf uns niederprasselt. Hinter jeder Felskante erwarten wir den Ausblick auf einen riesigen See: der 70 Kilometer lange Torneträsk. Doch dieser bleibt lange hinter Regenwolken verborgen. Als sich dann zum ersten Mal der Torneträsk zeigt, freuen wir uns und wissen, unser vertrautes Abisko ist nun nicht mehr weit.

Wie geht‘s weiter? In Abisko legen wir einen Pausentag ein und genießen das ausgezeichnete Essen hier (Frühstücksbuffet, 3-gängiges Geburtstagsabendessen!). Hier hat auch unser erstes Verpflegungspaket gewartet, das wir im Mai/Juni vorbereitet haben. Was für eine Freude fertig vorbereitetes Essen zu bekommen! Ab Abisko geht es südwärts auf dem Kungsleden, entlang der Strecke, die wir auch im Winter gefahren sind. Nach ein paar Tagen werden wir aber vom Kungsleden abbiegen und auf die Ritsem Station zusteuern, die am Rande des Sarek Nationalparks liegt.

Übrigens, falls ihr euch fragt, Mimis neue Wanderschuhe sind ganz gute neue Begleiter. Blasen hat es auf den ersten 187 km mit ihnen jedenfalls nicht gegeben! 🙂

Und für alle, die so weit gelesen haben und weitere Eindrücke von unserer Tour wünschen, folgen noch ein paar Fotos:

5 Gedanken zu „Expedition Kanelbullar: Kilpisjärvi bis Abisko“

  1. Wir sind ganz begeistert und wirklich stolz auf euch, was ihr alles schon geschafft habt. Die alten Schuhe von Mimi könnten sicher Bände erzählen. Wir wünschen euch, dass auch die neuen Schuhe so tolle Abenteuer mit euch erleben.

    1. Danke!!! Das freut uns sehr! Ja, Mimis alte Schuhe waren jetzt schon wirklich viel mit ihr/uns unterwegs, haben viele Geschichten zu erzählen. Liebe Grüße, Mimi und Martin – gleich geht’s los am Kungsleden!

  2. Liebe Abenteurer!
    Eure Berichte zu lesen ist aufregender als der spannendste Krimi! Und dazu noch diese wunderschönen Fotos! Danke, dass wir an Eurem Unternehmen teilhaben dürfen!
    Weiterhin alles Gute!
    Hannes und Roswitha Wruß.

  3. Euer Bericht und die Bilder sind wieder mal umwerfend! besonders die Seilbrücke über den Wildbach hat es mir angetan ;-))
    Wirklich schön fand ich die Hütte mitten im „Nichts“ – sie sieht aus wie ein feines Ferienhaus in den Schären bei Stockholm.
    Hoffentlich ist die Gelsenplage endgültig erledigt!
    Gutes Weiterwandern und sendet bitte noch viele Berichte…
    Brigitte

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