Expedition Kanelbullar: Hemavan bis Gäddede

Die letzten Tage waren wir auf unseren Wanderpfaden ziemlich einsam unterwegs. Man merkt deutlich, dass die Wandersaison ihr Ende erreicht hat und dass wir außerdem nicht allzu populäre bzw. eher unbekannte Wandergebiete durchqueren. Wenn man die Einträge in den Fahrtenbüchern der kleinen Rasthütten unterwegs studiert, bekommt man den Eindruck, dass hier nur Gröna Bandet-Wanderer unterwegs sind. Wie nett, bekannte Namen zu lesen und Weggefährten, die wir unterwegs oder auf ihren Blogs kennengelernt haben, auf diese Art zu treffen! Noch spezieller als die virtuellen Begegnungen in den Hütten sind freilich die seltenen, dafür umso prägenderen, Momente, in denen wir auf unserem Weg andere Menschen treffen und sich Gespräche ergeben. Mal nur ein paar Sätze, mal ein gemeinsamer Hüttenabend, mal Weitwanderer wie wir, mal Wanderer auf einem Tagesausflug, mal Ortsansässige… Diese Begegnungen verleihen unserer Wanderung durch die einsame schwedische Natur eine weitere, soziale Dimension, die wir sehr schätzen.

Von Hemavan nach Gäddede, 10. bis 23. September

Ein Tag unserer Wanderung von Hemavan nach Gäddede wird uns in dieser Hinsicht ganz besonders in Erinnerung bleiben. Es ist der zweite Wandertag nach Hemavan und unsere Erwartungen sind eher bescheiden: Wir haben ein über 25 km langes Stück Asphaltstraße vor uns, unsere Rucksäcke sind schwer bepackt und unsere Füße stecken in neuen, noch nicht eingegangen Wanderschuhen (Warum wir in Hemavan beide neue Wanderschuhe, richtige Wanderstiefel einer schwedischen Traditionsmarke, gekauft haben, ist eine andere Geschichte. Nur so viel: Wir sind sehr glücklich Schuhe zu haben, die tagelanges Waten durch Sümpfe aushalten und unsere Füße trocken behalten!). Der Tag könnte also recht unangenehm werden…

Dass das Gehen mit schweren Rucksäcken und neuen Schuhen auf hartem Untergrund anstrengend ist, lässt sich nicht leugnen, aber wir kommen immerhin flott voran und genießen die liebliche ländliche Landschaft um uns herum. Entlang der Straße verstreut liegen einfache Ferienhäuser und wir stellen uns vor, wie es wohl wäre in einer dieser Hütten Urlaub zu machen. Vor einem kleinen rotgestrichenen Häuschen sitzen ein paar Leute in der Sonne und lassen es sich offensichtlich gut gehen. Wir winken und grüßen. „Hej, är ni svenskar?“ [Hallo, seid ihr Schweden?], werden wir zurückgegrüßt. „Nein, aber wir sprechen schwedisch.“, antworte ich. „Wollt ihr einen Kaffee trinken?“ Da können wir natürlich nicht Nein sagen! Einen Moment später sitzen wir auch in der Sonne, schlürfen heißen Kaffee und bekommen sogar Kuchen serviert – jeder zwei Stück!

Die Schweden, bei denen wir zu Gast sind, stellen uns viele Fragen zu unserer Wanderung und wollen nicht so recht glauben, dass wir zu Fuß vom Nordkapp hierher gekommen sind. Sie bieten uns an uns mit dem Auto bis ans Ende der Straße zu führen, aber wir lehnen dankend ab – das würde gegen die Gröna Bandet-Regeln verstoßen und entspricht auch nicht unserer Wandermoral. Wir könnten auch hier bei ihnen übernachten, sie könnten uns ein Bett, Dusche und sogar Sauna anbieten! Sehr verlockend, aber so gestärkt wie wir gerade sind, wollen wir lieber heute noch das gesamte Straßenstück hinter uns bringen. Ob sie uns nicht zumindest etwas auf die Wanderung mitgeben könnten, es gibt doch bestimmt etwas, das wir gebrauchen können? Wir haben gerade in Hemavan groß eingekauft und brauchen eigentlich nichts, aber einem Sackerl voll mit frisch gepflückten Eierschwammerln können wir doch nicht widerstehen…

Am Rucksack baumeln die uns geschenkten Eierschwammerln.

Ausgeruht, gestärkt und beflügelt von dieser schönen Begegnung machen wir uns wieder auf den Weg. Nach einigen Stunden gehen erreichen wir endlich die Schotterstraße, auf der wir die asphaltierte Landstraße verlassen und die uns zum Endpunkt der heutigen Etappe führt. Wir sind kurz stehen geblieben um die Informationsschilder zum Kulturreservat Atoklimpen zu studieren, als neben uns ein Auto anhält und eine freundliche Frau uns anspricht. Sie arbeitet für das Kulturreservat und erzählt uns allerhand zur Geschichte dieses Ortes. Seit Jahrhunderten, wenn nicht sogar Jahrtausenden, haben hier Samen gelebt und Rentierzucht betrieben, bis in die 40er Jahre gab es hier eine Nomadenschule für die Kinder der Rentierzüchter. Die Park-Rangerin lädt uns ein in einer Kåta zu übernachten – das ist eine traditionelle kegelförmige Samen-Hütte, die aus Birkenstämmen gebaut, mit Birkenrinde belegt und mit Torf verkleidet wird. Es gibt Feuerholz, das wir verwenden dürfen und wir sollen es uns doch hier für die Nacht gemütlich machen. Wir erfahren einiges Interessantes über den Baustil und die traditionelle Sitzordnung in dieser Kåta und nehmen die freundliche Einladung hier zu übernachten gerne an.

Diese Kåta war für eine Nacht unser Zuhause.

Am Ende des Tages sind wir nach insgesamt fast 30 km ganz schön erledigt. Wir sind froh den Rucksack abstellen, die schweren Schuhe ausziehen und uns in der Kåta unser Nachtlager einrichten zu können. Aber die menschliche Wärme, die wir heute zu spüren bekommen haben, ist stärker als die Müdigkeit in unseren Körpern und so wird dieser Tag entlang der Landstraße als ein besonders schöner Tag in die Expedition Kanelbullar-Geschichte eingehen.

In Butter angebratene Eierschwammerl und in Hemavan selbstgebackenes Brot – ein herrliches Abendessen in der Kåta.

Der weitere Weg, wie anfangs erwähnt, führt durch Gebiete die kaum zum Wandern genutzt werden. Teilweise finden wir das verwunderlich, denn die Landschaft ist ähnlich beeindruckend wie die Berge entlang des Kungsleden. Auch die gemütlichen Hütten der Provinz Västerbotten laden sehr zum Entdecken dieser Gegenden ein.

In anderen Teilen wiederum ist es naheliegend warum es hierher nur jene Wanderer verschlägt, die wirklich die gesamte schwedische Bergkette entlang wandern wollen. Denn streckenweise ist man vor die Wahl gestellt entweder tagelang Sümpfe zu durchqueren oder ebenso lange asphaltierten Landstraßen zu folgen. Wir bevorzugen die Natur und gewinnen tiefe Einblicke in das Wesen von Sümpfen…

Die Wegplanung wird auch herausfordernder. Nicht die ganze Strecke wird von markierten Wegen abgedeckt und wir müssen eigene Routen festlegen. Und selbst den markierten Wegen merkt man deutlich an, dass sie kaum begangen werden. Vermeintliche Wege führen durch kaum durchquerbare Sumpfabschnitte und einmal fehlt schlicht und einfach eine Brücke. Aber die Herausforderung unseren Weg selber zu suchen reizt uns und wir genießen das Gefühl, ganz frei und auf uns gestellt unterwegs zu sein. So durchstreifen wir auch Ecken von Schweden, die wohl erst wenige Menschen gesehen haben.

Auch das Wetter beginnt herausfordernder zu werden. An den meisten Tagen regnet es zumindest einmal. Umso mehr schätzen wir die Sonnenstunden, die die Herbstfarben goldrot leuchten lassen. Genauso erhebend fühlt es sich an, am Ende eines Sumpfes wieder höher in die Berge zu kommen, näher dem Himmel und mit Blick in die weite Landschaft. Das Wandern ist nun beschwerlicher, ja, aber die schönen Momente, Begegnungen und Erlebnisse stechen dafür umso mehr heraus.

Wie geht’s weiter? Wir sind nun in der Provinz Jämtland unterwegs, der vorletzten Provinz unserer Tour – gegen Ende unserer Wanderung werden wir noch Dalarna erreichen. In Gäddede gönnen wir uns ein echtes „freies“ Wochenende in einer Campingplatz-Hütte: erst Montag geht es wieder los. Auf eine der beiden Übernachtungen werden wir von der Betreiberin sogar eingeladen, da sie Gröna Bandet unterstützen möchte. Wieder erfahren wir eine komplett unerwartete, großzügige Geste von einer Fremden. Vor uns liegt nun die Durchquerung des wilden Lierne Nationalparks, an dessen Ende wir das Dorf Valsjöbyn erreichen, in dem ein nächstes Versorgungspaket auf uns wartet. Von dort geht es weiter zum Winterskiort Åre. Wir haben nun 1500km zurückgelegt, grob 700 liegen noch vor uns. Schritt für Schritt nähern wir uns dem Ziel unserer Wanderung…

4 Gedanken zu „Expedition Kanelbullar: Hemavan bis Gäddede“

  1. Irre wie fortgeschrittener der Herbst bei euch schon ist. Man sieht auch an eurer Kleidung, dass es schon ordentlich kalt sein muss. Wie macht ihr das mit nassen Schuhen? Die trocknen doch nicht so schnell… morgens früh wieder in die nassen Stiefel? :-/
    Auch irre, was ihr alles seht und erlebt! Bitte, bitte, bitte opfert nicht eure Neugierde und Naturlust, um euch an dem euch selbst gesteckten Streckenziel festzuklammern, indem ihr z.B. fade Abkürzungen wählt. Was ihr macht ist jetzt schon 140% atemberaubend, so take detours if one suggests itself, improvise and enjoy the moments! :-]

  2. Wunderbar, was Ihr wieder erlebt und in Bildern wiedergebt!
    Gelegentlich seht Ihr etwas ausgekühlt aus, die „Sumpfstiefel“ sind wohl auch gewöhnungsbedürftig, aber insgesamt wird das offenbar überwogen von der Schönheit der Landschaft, die Ihr durchquert.
    Ich wünsche Euch schönes Weiterwandern und wie alle Eure Follower freue ich mich über jedes neue Detail!

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