Mimi alleine unterwegs: Wandern am Pembrokeshire Coast Path (Teil 1)

Das Jahr 2017 hat für mich eher schwierig angefangen. Mit dem Tod meiner Großmutter Momo, einer hartnäckigen Grippe und Unzufriedenheit sowie Stress im Job ist da einiges zusammengekommen. Ich habe mich zeitweise ziemlich mies gefühlt und die ersten Monate des Jahres waren geprägt von gedrückter Stimmung, (Selbst-)Zweifeln, Sorgen, Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafproblemen und ewigen Kopfschmerzen. Meine Arbeit zu kündigen war ein erster wichtiger Schritt in Richtung Besserung. Bevor ich mich wieder ins Job-Such-Gemetzel begebe, habe ich mir etwas Zeit für mich genommen um wieder zur Ruhe zu kommen und Zuversicht zu gewinnen. Dabei wollte ich etwas machen, dass mir Spaß macht und mich gleichzeitig herausfordert. Pause und Mutprobe zugleich. Da war schnell eine Idee geboren: ich würde eine Woche lang ganz alleine wandern gehen.

Dass es mir gut tut Zeit in der Natur zu verbringen und dass beim tagelangen Wandern die Gedanken zur Ruhe kommen, hatte ich schon öfters erlebt. Aber noch nie war ich alleine unterwegs gewesen. Würde ich das denn schaffen? Wie würde ich mich in schwierigen Situationen entscheiden? Würde ich oft zum Handy greifen und mich nachhause wünschen? Würde ich alleine im Zelt überhaupt einschlafen können? Würde ich mich selber motivieren können den ganzen Tag zu gehen? Würde ich die Natur und das Gehen alleine genießen können? Das wollte ich herausfinden.

Da Martin und ich mit dem South West Coast Path und dem Thames Path schon so tolle Erfahrungen gemacht hatten, war für mich schnell klar, dass ich wieder entlang einer der National Trails in Großbritannien gehen wollte. Auf der Website klickte ich mich durch die Fotos der insgesamt 15 nationalen Weitwanderwege in England und Wales und entschied mich kurzerhand für den Pembrokeshire Coast Path in Südwest-Wales. Die Aussicht auf steile Klippen und Schafweiden war da wohl ausschlaggebend.

Entlang so einer Küste wollte ich gerne wandern gehen – schroffe Klippen und sanfte Wiesen, das erschien mir eine vielversprechende Kombination zu sein. (Hier am ersten Tag zwischen Cardigan und Newport)

Ich will euch nicht allzu lang auf die Folter spannen: Die Wanderung war großartig! Der Weg wurde seiner Bezeichnung als „Coast Path“ mehr als gerecht und führte mich immer ganz nah an der Küste entlang durch atemberaubende Landschaften mit starken Kontrasten. Beim Wandern selbst und bei allem was zum Zelten dazugehört ist es mir sehr gut gegangen, ich habe mich alles andere als überfordert gefühlt und bin stolz auf mich, diese Wanderung gemeistert zu haben. Aber ich habe für mich festgestellt: Mit Begleitung machen mir so etwas doch noch mehr Spaß und ich freue mich nun umso mehr, dass die nächsten Abenteuer wieder zusammen mit Martin stattfinden werden.

Meine selbstverschriebene „Geh-Therapie“ war für mich genau das Richtige…

Auf mein Seelenleben hat sich das Wandern sehr positiv ausgewirkt. Kaum hatte ich die ersten Kilometer zurückgelegt, war ich im „Wanderalltag“ angekommen und meine  Sorgen und negativen  Gedanken waren wie weggeblasen. Auf einmal waren ganz andere Dinge wichtig und die Entscheidungen, die ich treffen musste, hatten viel mehr mit dem Hier und Jetzt zu tun: soll ich die Regensachen anziehen oder nicht?, Jetzt schon Pause machen oder erst später?, Wo werde ich heute übernachten? und Was gibt es zum Abendessen?. Mit dem Gehen fühlte ich auch mein Selbstvertrauen wieder heranwachsen und ich fühlte mich stolz, wenn andere Wanderer oder Spaziergänger über meinen großen Rucksack und mein Vorhaben staunten. Manchmal war ich beim Gehen sogar so fröhlich, dass ich ungehemmt zu singen begann. Da ich nicht viele Lieder auswendig kann, wurde es eine lustige Mischung aus Beatles-Songs und Weihnachtsliedern.

Nun stellt sich für mich die Frage, wie ich dieses unbeschwerte und entspannte  Gefühl in den Alltag mitnehmen kann. Was meint ihr? Sicher ist es nicht verkehrt, die Wanderung noch einmal Revue passieren zu lassen und in Erinnerungen zu schwelgen… Also nehme ich euch mit nach Pembrokeshire:

Tag 0: Anreise und zelten bei Schafen

Abschied von Martin, Peter und Birgit, mit denen ich die letzten Tage im Snowdonia Nationalpark verbracht habe. Mit Tomtemi* als Begleiterin eine mehrstündige Busfahrt quer durch Wales bis zum Startpunkt Poppit Sands bei Cardigan. Ein guter Start, die Sonne strahlt mir beim Aussteigen entgegen. Ausschau-Halten nach den Eichel-Symbolen, diese zeigen den National Trail an. Schon geht es los! Ein kurzer Weg eine Straße entlang führt zu meinem heutigen Ziel: einem Campingplatz inmitten von Schafen. Zelt aufbauen, Lämmer anschauen, Essen kochen, mit meinen Nachbarn reden, nachhause telefonieren und schon ist es Zeit für meine erste Nacht alleine im Zelt. Es wird kalt und windig, aber ich schlafe gut.

Tag 1: Ein herausfordernder Einstieg

Der Himmel ist über Nacht zugezogen und als ich losgehe, beginnt es leicht zu regnen. Nach dem Campingplatz komme ich direkt an die Küste und der Wind frischt auf. Der Weg ist recht ausgesetzt und der starke Wind macht das Gehen mit schwerem Rucksack zu einer Herausforderung. Zum Glück habe ich meine Wanderstöcke als Stützen dabei! Der Wind begleitet mich den ganzen Tag über und es regnet immer wieder – das entspricht aber auch ziemlich meinen Erwartungen vom Wetter in Wales. Die Küste ist dennoch beeindruckend schön, und fast menschenleer. In der Nähe des Weges einen Zeltplatz zu finden, wird wohl schwierig: rechts von mir geht steil zum Meer hinab, links von mir begrenzen Zäune Tierweiden und auf dem schmalen Streifen dazwischen bin ich von Ginterbüschen umgeben. Diese blühen gelb und verströmen einen süßlichen Kokos-Duft, sind aber leider sehr stachelig. Mittagsrast mit warmen Essen in einer windgeschüzten Mulde gibt mir Kraft und so erreiche ich trotz Wind und Wetter am Nachmittag Newport Sands. So weit wollte ich am ersten Tag eigentlich gar nicht gehen. Zur Belohnung kommt auch die Sonne wieder hervor. Ich beschließe noch bis in die Stadt hineinzuwandern und dort, nach 22 km, am Campingplatz mein Zelt aufzuschlagen. Es war ein ganz schön anstrengender erster Tag, aber ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich geleistet habe.

Tag 2: Erstes Mal wild zelten

Am Morgen gleich eine nette Überraschung: ich sehe zwei Robben! Meine Schultern und die Hüfte spüren zwar den gestrigen Tag deutlich, aber das Gehen ist heute viel leichter. Es regnet nicht, der Wind hat nachgelassen und die Klippen sind nicht ganz so hoch, sodass es weniger steile Auf- und Abstieg gibt. Großartige Aussicht von Dinas Head, wo ich sowohl sehe, was ich heute schon geschafft habe, als auch was noch vor mir liegt. Viele nette Begegnungen und kurze Gespräche mit Wanderern, eine etwas merkwürdige Kellnerin in einem offenbar zu gut besuchten Lokal. Lange Mittagspause mit viel Sonnenschein, einem Jacket Potato und Bier, ein bisschen Stricken. Danach die große Müdigkeit, also gleich wieder Pause mit einem Nickerchen am Strand. Heute möchte ich wild zelten, also zweige ich etwas vom Coast Path ab und suche in einem Wäldchen nach einer geeigneten Stelle. Auf dem Weg dorthin sehe ich einen Fuchs. Auf einer kleinen recht versteckten Wiese schlage ich mein Lager auf, lasse meine Füße in der Abendsonne lüften und erzähle Martin stolz, dass ich heute nicht auf einem Campingplatz nächtigen werde. Die Nacht verläuft angenehm unspektakulär, es wird zwar wieder eher kalt, aber ungebetene Gäste, beängstigende Geräusche oder Albträume bleiben mir erspart.

Tag 3: Viel Sonne auf dem Weg zur Jugendherberge

Ich werde von strahlendem Sonnenschein begrüßt, ein herrlicher Morgen! „Meine“ Wiese liegt allerdings noch im Schatten, es ist alles nass vom Tau und recht frisch. Ich beeile mich mit dem Aufbrechen und mache mich auf den Weg in die Stadt Fishguard. Unterwegs ein kleiner, charakteristisch duftender, Bärlauch-Wald. Den Bärlauch lasse ich aber stehen, da ich nicht so recht weiß zu welchem meiner selbst vorbereiteten Fertiggerichte  er gut dazu passen könnte. Das gute Wetter hält den ganzen Tag und ich bekomme viel Sonne ab. Wer hätte denn das gedacht? Die Klippen hier sind etwas rundlicher als bisher, da es sich um härteres Vulkangestein handelt. Die Wege sind dadurch recht leicht zu begehen, aber dennoch fühlt sich das Wandern heute recht anstrengend an. Mein Körper ist müde, vor allem die Füße und die Schultern, und umso mehr freue ich mich als ich am Nachmittag die Jugendherberge in Pwell Deri erreiche. Unglaubliche Aussicht aufs Meer, tolle Menschen, die meine Leidenschaft fürs Wandern teilen, warme Dusche, wunderschöner Sonnenuntergang, gemütliches Lesen in der „Lounge“.

An dieser Stelle lege ich eine kleine Pause in meinen Bericht ein, weiter geht es demnächst mit den Tagen 4-6 der Wanderung und wieder mit vielen Fotos!

* Du weißt nicht was ein Tomte ist? Tomtes sind kleine wichtelartige schwedische Wesen, die wollige Gewänder und Zipfelmützen tragen. Zu jedem Haushalt oder Hof gehört auch eine Tomtefamilie. Wenn man sie lieb behandelt – und an sie glaubt, das ist das Wichtigste! – dann helfen sie bei allem eifrig mit. Vor allem zu Weihnachten machen sie sich sehr beliebt, denn sie bringen die Geschenke – vorausgesetzt man stellt eine Schüssel mit Brei für sie bereit. Tomtemi ist mein persönliches Tometmädchen, Tomte-Mimi quasi. Als Kind habe ich es geliebt, zusammen mit meiner Mama zu spielen, dass ich Tometmi bin und nicht Mimi. Für sie war dieses Spiel durchaus praktisch, denn als Tomte musste ich ja hilfsbereit sein!

7 Gedanken zu „Mimi alleine unterwegs: Wandern am Pembrokeshire Coast Path (Teil 1)“

  1. Liebe Mimi!
    Ich war ganz gerührt, von deinem Bericht. Wenn man die Aussage von meinem Exschwiegervater nicht in Betracht zieht, dass Rührungen im „fortgeschritten Jugendalter“ mit einer senilen emotionalen Inkontinenz zu erklären, dann habe ich folgende Argumente.
    Deine schonungslose Offenheit zwickt mich in der Seele. Wie schlecht musst du dich gefühlt haben, dass du so weitreichende Entscheidungen getroffen hast!
    Dieser Tage erst habe ich Manfred von meiner bisher einzigen Reise als sehr junge Frau alleine erzählt. Ich hatte wunderschöne Erlebnisse, aber nicht nur. Ich habe den Mut für eine weitere Reise nicht gefunden, bewundere aber schon immer Frauen, die das machen und die Belohnung von schönen Eindrücken und netten Begegnungen genießen dürfen.
    Ich danke dir vielmals, dass du uns/mich teilhaben lässt an den wunderschönen Natureindrücken und deinen Empfindungen.
    Freude empfinde ich unter anderem, dass du bald wieder mit deinem lieben Martin unterwegs sein kannst. Dass du aber auch unabhängig unterwegs bist – großartig!
    Darf ich dich umarmen? Liebe Grüße von Gabi und noch eine gute/ nette/wunderbare Zeit.

    1. Liebe Gabi, danke für deinen sehr persönlichen Kommentar! Ich kann deine Umarmung spüren 🙂 Ich denke, ich habe aus dieser schwierigen Phase viel gelernt – über und für mich. Unter anderem, dass es mir gut tut offen zu sein und mit anderen darüber zu reden wie ich mich fühle – daraus sind einige sehr schöne Gespräche entstanden… Und hätte ich diese nicht so tolle Zeit nicht erlebt, hätte ich mich vermutlich nicht (vielleicht sogar nie) dazu entschlossen alleine eine längere Wanderung zu machen! Jetzt kann ich also auch etwas Gutes darin sehen 😉 Alles Liebe, Mimi

  2. Liebe Mimi,
    Großteils schließe ich mich Gabis Kommentaren an, die Entscheidung zu diesem Alleingang ist dir sicher nicht leicht gefallen, es gehört Mut dazu, einen Schritt „aus der Norm heraus“ zu tun.
    Ich teile Gabis Meinung – bis auf die Geschichte mit dem allein verreisen können. Meine wiederholten, dir bekannten Alleinreisen nach San Francisco waren für mich, so gerne und genüsslich ich mit Peter bisher gereist bin und weiterhin reisen werde, genau das, was du an der Küste von Wales gesucht und offenbar auch gefunden hast.
    Neben gar nicht so häufigen Treffen mit meinen Cousinen erlaubten mir diese Reisen (wie bei dir in herrlicher Umgebung, eher in der Stadt und nicht in der wilderness, die ich übrigens auch gesucht und gefunden habe, nur nicht tagelang) Zeit zu finden, die Gedanken (gute und weniger gute) zu ordnen, zu vertiefen, den „Zwang“, mit mir selbst auszukommen, ohne ständig mit irgendwem reden zu wollen und – ja, zugegeben – Herrin meiner Entscheidungen oder Unentschlossenheit zu sein, ohne jemand anderen, in meinem Fall Peter, zu bremsen, zu langweilen, zu irritieren.
    Man muss sich nur dazu entschließen und losziehen (und wie du beweist, muss man nicht um die halbe Weltkugel ziehen dafür). Was ich nicht schaffen würde, und dafür bewundere ich dich wieder mal grenzenlos, wäre den Riesenrucksack zu schleppen und allein in einem Zelt in einer Wiese zu übernachten (aus Bequemlichkeit UND BESONDERS aus Angst vor im Wind raschelnden Grashalmen und ähnlich harmlosen Geräuschen).
    Ich umarme dich ganz fest, ohne lang zu fragen, freue mich auf die Fortsetzung und hoffe, dass der „klärende“ Effekt deiner Wanderung anhält.
    Euch Beiden liebe Grüße, eine gute Abschlussphase in Oxford und auf (beinahe) baldiges Wiedersehen
    Brigitte
    PS: in 2 Wochen findet bei uns ein DIXIT Replay statt und mit Susanne werde ich versuchen, ein Set zu basteln mit Bildern, die wir selbst auswählen möchten.

    1. Liebe Brigitte, danke für deinen erfrischenden Kommentar! Ich denke, hätte ich mich dazu entschlossen alleine eine Städtereise zu machen anstatt zu wandern, hätte ich mich viel eher alleine gefühlt – und hätte vielleicht auch nicht so gut abschalten können. Der Rucksack am Rücken und die Wanderstöcke in der Hand, das fühlt sich mittlerweile einfach schon sehr vertraut an. Bezüglich Zelten hätte ich auch gedacht, dass ich Probleme beim Einschlafen haben könnte und Angst haben würde, aber das war zum Glück nicht der Fall!

      Super, dass euch das Dixit-Spielen so viel Spaß gemacht hat! Ich bin auch schon dabei Bilder für eine Erweiterung zu sammeln. Kannst du mir irgendwelche KünstlerInnen empfehlen?

      Alles Liebe, Mimi

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