Expedition Kanelbullar: Kautokeino bis Kilpisjärvi

Sümpfe, Mückenheere, gewaltige Wasserfälle, versteckte Hütten, karge Plateaus, ein dschungelartiges Tal, weite Landschaft, … diese Etappe mit etwa 190km war unglaublich abwechslungsreich. Unser Weg folgte weiter dem Fernwanderweg E1, der hier mit einem Klassiker der nordskandinavischen Wanderwege zusammenfällt: dem Nordkalottleden. Wir blicken auf eine großartige Etappe zurück, von der wir nun kurz berichten wollen.

Kautokeino, Norwegen bis Kilpisjärvi, Finnland (21. – 30. Juli)

Ein weiteres Mal zeigt sich: aller Anfang ist schwer. Nach Kautokeino sind unsere Rucksäcke wieder mit Essen für 10 Tage gefüllt und dementsprechend schwer. Das Gelände der ersten zwei Tage macht es uns auch nicht leichter: wir durchqueren unzählige Sumpfpassagen und unsere Schuhe sind bald mit Wasser gefüllt. Die größte Herausforderung ist allerdings bei den Myriaden von Blutsaugern den Verstand zu bewahren. Denn zusätzlich zu den uns wohlbekannten Gelsen kommen nun „Knotts“: winzige, beißende Kreaturen die kleine, blutende und furchtbar juckende Wunden hinterlassen. Darüber hinaus klettern sie in jede kleine Öffnung der Kleidung und erreichen somit von Gelsen sonst geschützte Bereichen. Mehr als einmal haben wir uns halb-erledigt, halb-grinsend angesehen und kopfschüttelnd zu einander gesagt: „Wir machen Sachen.“ gefolgt von „Danke, dass du soviel Durchhaltevermögen zeigst.“ Wir sind uns nicht sicher ob „geteiltes Leid ist halbes Leid“ hier zutrifft, aber einen Wanderpartner bzw. eine Wanderpartnerin zu haben, auf die man sich verlassen kann, ist eine große Stütze.

Die Sümpfe beginnen zum Glück schon am zweiten Tag weniger zu werden und der dritte Tag führt uns in höhere Lagen. Es erscheint uns wie ein unbezahlbarer Luxus unsere Insektennetze abnehmen und ungestörte Pausen machen zu können. Wir nähern uns dem Reisa-Tal, einem tief eingeschnittenen Tal, das eine ganz neue Welt für uns darstellt. Während uns die bisherige Wanderung durch weite Landschaften geführt hat, ragen nun steile Felswände rechts und links von uns auf. Auch die Vegetation hat sich schlagartig geändert: plötzlich wandern wir durch grüne Wälder, die Wege sind oft von brusthohem Farn verdeckt. Offensichtlich erlaubt die geschützte Lage im Tal das Wachstum von Pflanzen, die sonst so weit nördlich nicht überleben können. Mitten in diesem dichten Wald verbergen sich auch grasbewachsene Hütten, offen für Wanderer, die auch wir gerne in Anspruch nehmen. Insbesondere nach einem zweistündigen Marsch durch strömenden Regen ist unsere Freude groß im Trockenen ein Ofenfeuer machen zu können und die Nacht in der Wärme zu verbringen.

Das Reisa-Tal ist besonders für spektakuläre Wasserfälle bekannt. Der größte Wasserfall, Mollisfossen, hat eine Höhe von 269m. Wir beschließen auf der Höhe des Wasserfalls vom Wanderweg abzuzweigen, das Tal zu verlassen und beginnen einen steilen Aufstieg. Während wir uns Meter um Meter  nach oben kämpfen, werden wir im selben Maße mit einem zunehmend spektakulären Ausblick auf den Mollisfossen belohnt.   Oben angekommen öffnet sich wieder die Weite der uns bekannten norwegischen Landschaft. Für die nächsten eineinhalb Tage navigieren wir querfeldein mit  Karte und Kompass, bevor wir wieder den Nordkalottleden treffen. Dieses „wilde“ Stück, während dem wir unsere Orientierungskenntnisse auf die Probe stellen können, ist ein besonderes Vergnügen für uns – wie ein kleines Abenteuer im großen Abenteuer.

Zurück am Nordkalottleden ist es nicht mehr weit zur finnischen Grenze. Und ab dort treffen wir plötzlich – für unsere Verhältnisse – Massen von Wanderern (vielleicht sogar 20 pro Tag). Der Grund dafür ist der höchste Punkt Finnlands, ein beliebtes Wanderziel und leicht  vom Nordkalottleden erreichbar. Dieser höchste Punkt liegt am Berg Halti, dessen Gipfel allerdings in Norwegen liegt. In Norwegen gab es kürzlich eine Petition, den Finnen zum   100jährigen Jubliäum ihrer Nation doch den Gipfel zu schenken – Norwegen habe schließlich mehr als genug hohe Berge. Die Petition wurde schließlich von der norwegischen Regierung aber abgelehnt mit dem Verweis auf die Unvereinbarkeit mit der norwegischen Verfassung. Nichtsdestotrotz ein schönes Beispiel nordischer Nachbarschaft.

Uns zieht es aber am Halti vorbei nach Kilpisjärvi, unserem Etappenende. Auf diesem Wegstück bekommen wir Begleitung von Daniel, einem jungen Deutschen, der die Zeit zwischen seinem Abitur und dem Studienbeginn am Nordkalottleden verbringt. Wir genießen die nette Gesellschaft und erfahren in der beeindruckenden Landschaft der finnischen Berge allerhand über das deutsche Pfadfinderwesen. Eine willkommene Überraschung! In Kilpisjärvi angekommen füllen wir im ersten und einzigen finnischen Supermarkt unserer Reise den Proviant nach, treffen auf der Straße unzählige Rentiere und machen kurze Pause auf einem netten Campingplatz.

Wie geht’s weiter? Von Kilpisjärvi ist es nicht mehr weit bis Treriksröset, wo sich die finnische, norwegische und schwedische Grenze treffen. Für uns ist das ein wichtiger Meilenstein, denn dort beginnt Gröna Bandet, das Grüne Band. Neun Tage später wollen wir das schwedische Abisko erreichen, das der Endpunkt unserer Wintertour war. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen!

6 Gedanken zu „Expedition Kanelbullar: Kautokeino bis Kilpisjärvi“

  1. Hi ihr 2!
    Eine tolle Wanderung macht ihr da, aber die stechenden Biester wären nix für uns!
    Ich habe eben eure Berichte im Zug von Wien (Arbeit) nach Hadersdorf gelesen.
    Grüße aus dem sehr heißen (36°C) -gerade- Tullnerfeld.

    Lg Jakob.winkler

    Vielen Dank für das Geschenk für Ferdinand. Nun ist es auch klar wie es nach Korneuburg kam 😉

    1. Hi Jakob, schön dich als Leser zu haben! Die Biester sind inzwischen nur mehr in absolut erträglicher Anzahl unterwegs, zum Glück! Und auch die Temperaturen sind ziemlich weit von 36 Grad entfernt… Liebe Grüße, Mimi und Martin

  2. Wie ist es im Freien ohne Dunkelheit zu schlafen?
    Bekommt man da seine 8h leicht zusammen, oder muss man dafür Martin The Hibanator Lackner heißen?

    1. 😀 Es hilft natürlich mit einem guten Schlaf gesegnet zu sein, aber es reicht auch den ganzen Tag zu Fuß unterwegs zu sein. Erschöpfung ist ein gutes Schlafmittel (wobei manche schon eine Augenbinde dabei haben). Inzwischen beginnt es in der Nacht schon kurz ein bisschen dunkel zu werden. Cheers, Martin

  3. Es ist großartig mit euch zu wandern…….
    bequem von zu Hause, ohne Mücken und sonstigem Geviech….
    und die Fotos sind einfach toll !!!!!
    Haben sich die neuen Schuhe schon an Mimi gewöhnt?
    Warte schon auf die nächste Meldung

    1. Danke Peter! Das macht das Blogschreiben besonders lohnend, wenn wir dadurch virtuelle Mitwanderer bekommen 🙂 Mimis Schuhe und ihre Besitzerin beginnen sich anzufreunden, aber es ist halt eine sehr intensive Gewöhnungsphase. Fast 200km ohne Blasen sind ein gutes Zeichen. Liebe Grüße, M&M

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